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Schlusslektorat, das unbekannte Wesen

„Bitte nur noch mal drüberschauen, da dürfte nicht mehr viel zu finden sein.“
Diesen Satz höre ich regelmäßig. Über mein Gesicht huscht dann meist ein wissendes Lächeln. 🙂
Klar, aus Sicht meiner Kunden kann ich das verstehen. Sie haben die Texte zwei-, drei-, zigmal gelesen. Die Grafik hat das Ganze gesetzt, es wurde noch mal gelesen – sieht alles gut aus. Nun noch rasch ins Lektorat, denn vielleicht fehlt das ein oder andere Komma.
Magazine
Doch ein Schlusslektorat besteht aus mehr, als Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik zu prüfen. Wenn ich das gelayoutete Kunden-, Mitglieder oder Mitarbeitermagazin, den Flyer oder die Broschüre ins Lektorat bekomme, sind das in der Regel meine Arbeitsschritte:

    1. PDF ausdrucken, denn auf Papier sieht man mehr als am Bildschirm.
    2. Inhaltsverzeichnis abgleichen: Stimmen die Seitenzahlen? Sind die Überschriften identisch oder gibt es Abweichungen bei der Wortwahl?
    3. Texte lesen. Konzentriert und langsam, Buchstabe für Buchstabe. Denn das Auge erfasst Wörter als Bilder und sieht, was da eigentlich stehen sollte, überliest dabei aber den Vertipplser.
      Beim konzentrierten, ruhigen Lesen sehe ich auch, ob die Wortabstände stimmen oder irgendwo ein Leerzeichen zu viel oder zu wenig sitzt. Mir fällt auf, wenn der erste Buchstabe in einer Zeile nicht ganz bündig gesetzt ist, ich achte darauf, dass Gedankenstriche (in Fachkreisen Halbgeviertstrich genannt) nicht mit Bindestrichen verwechselt werden und umgekehrt. Anführungszeichen können tückisch sein. Im Deutschen sehen sie so aus: „“. Unten zwei kleine Neunen (99), oben zwei kleine Sechsen (66). Beim schnellen Drüberlesen merkt man eher nicht, wenn die Häkchen in die falsche Richtung zeigen. Wörtliche Rede im Text? Da kommt es auf die Zitierweise an, ob der Punkt vor dem Abführungszeichen gesetzt wird oder danach. Ein paar der vielen Kleinigkeiten, auf die ich achte.
    4. Für Einheitlichkeit sorgen: Oft sind die Texte eines Magazins von unterschiedlichen Autoren geschrieben worden. Ebenso unterschiedlich sind dann auch oft die Schreibweisen. Die einen schreiben „so dass“, die anderen „sodass“. Einmal steht da „aufsehenerregend“, dann erscheint zehn Seiten weiter ein „Aufsehen erregend“. Es gibt solche, die schreiben „Schadenersatz“, und solche, die „Schadensersatz“ schreiben. So etwas fällt mir auf. Oder auch, dass eine Telefonnummer auf Seite 8 ohne Leerschritte gesetzt ist, im Impressum aber in Dreierblöcken und dafür mit Ländervorwahl.aufsehenerregend
      In der Regel korrigiere ich nach Duden-Empfehlung. Wenn man das bei allen Texten konsequent macht, hat man es einheitlich. Es sei denn, der Kunde möchte andere Schreibweisen. Dann sollten aber auch diese einheitlich gebraucht werden.
      Ebenfalls gerne uneinheitlich sind Aufzählungen im Text. Mal werden sie mit Spiegelstrichen hervorgehoben, mal mit Bulletpoints, mal mit Satzzeichen voneinander abgetrennt, mal wird nur ein Punkt ans Ende der letzten Zeile gehängt, mal nicht. Und wie ist das jeweils erste Wort in den Zeilen geschrieben? Klein oder groß? Aufzählungen haben immenses Vereinheitlichungspotenzial. Ebenso wie die Schreibweise von Zahlen (1.000 oder 1000 mit kl. Festabstand zwischen der Eins und der Null), von Währungsbezeichnungen und Abkürzungen (€ oder EUR, Mbit oder MBit). All die Stolperfallen, die in Texten verborgen sein können, aufzuschreiben, würde Seiten füllen. Je nach Projekt tauchen mal die einen, mal die anderen auf. Wichtig ist, ein Auge dafür zu haben.
    5. Mitdenken. Wenn am Ende eines Textes steht: „Die Auflösung finden Sie im Impressum“, dann schaue ich im Impressum nach, ob sie auch wirklich da steht. Wenn der Geschäftsführer Günter Meiermüller in der Bildunterschrift an zweiter Stelle genannt wird, aber die zweite Person auf dem Bild eine Frau ist, dann merke ich das an. Wenn in einer Mitarbeiterzeitschrift der Name Andre auch bei verschiedenen Mitarbeitern immer ohne Akzent auf dem e geschrieben wird, dann mache ich eine Anmerkung dazu. Grundsätzlich gilt: Lieber eine Sache zu viel angemerkt als eine zu wenig.
    6. Ein Schlusslektorat findet hauptsächlich auf der formalen Ebene statt. Aber wenn ich eine Formulierung lese, die knapp vorbei ist, wenn ein Satz so gar nicht zum Stil des restlichen Textes passt oder extrem holprig ist, dann merke ich das an. Und mache auch Änderungsvorschläge.
    7. Wenn ich fertig bin mit Lesen und alle Anmerkungen ins PDF eingearbeitet sind, dann schlafe ich mindestens eine Nacht drüber und lese das Ganze noch einmal. Beim zweiten Durchgang fallen einem immer noch Sachen auf, die man beim ersten nicht gesehen hat. Denn man wird immer schlauer, je mehr man von einem Text liest – und zwar gründlich, nicht nur mal eben schnell drüber.

 

 

 

Das Internat hat viele Seiten

Gleich zwei Schmankerln sind mir heute beim Lektorieren begegnet:

Das erste:

„Weitere Informationen finden Sie auf unserer Internatseite.“

Ja, manchmal kommt einem das Internet wirklich wie ein riesiges Internat voller ausgeflippter junger Leute vor.

Das zweite:

„Da fragt man am besten die Industrie- und Handlungskammer.“

Wenn ich das nächste Mal so richtig phlegmatisch bin, wende ich mich an die Handlungskammer.

Es ist wirklich eine Schande …

… da hat man so ein schönes Blog und lässt es seit Monaten rechts* liegen.

Und warum?

Darum:

Flyer über ganzheitliche Kosmetik, Messebau, Sicherheitsboxen, Mischdampfkraftwerke oder Weiterbildungsakademien, Artikel über Radioaktivität und erneuerbare Energien, Werbemailings an Schweizer Jugendliche oder Reisebürokunden, eine Webseite zum Thema ökologischer Landbau, Geschäftsberichte, Magazine für Verbandsmitglieder oder politisch Interessierte, Tourismus-Schulungsunterlagen, CD-Booklets, die Webtexte einer Familienaufstellerin, Broschüren über Biogas, Mietwagen oder Diabetes, Newsletter für Senioren, Beipackzettel für Medikamente, die Webtexte einer Unternehmensberaterin, trendige Städteführer usw. usf. …

Außerdem schreibe ich Express-Geschichten für den Geschichtenladen, z. B. „Herbststurm“ oder „Drei Häkchen“. Meine fünfte Story ist momentan in der letzten Korrekturphase und eine weitere schon zu zwei Dritteln geschrieben. Hierfür recherchiere ich vor allem im Mittelaltermilieu.

Ach ja, da ist ja auch noch mein Ehrenamt für den BPW-Club Berlin: Texte schleifen als Mitglied der AG Kommunikation und halbe Redaktion des Newsletters „Gazette“.

Aber vielleicht schaffe ich es ja doch wieder öfter, nach rechts oben zu klicken und mich meinem vernächlässigten Lektoratsblog zu widmen 🙂

*Das Lesezeichen dazu befindet sich auf der rechten Seite meines Bildschirms.