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100 Wörter – unzählige Geschichten

Beim heutigen Büro-Ausmisten habe ich eine Liste gefunden: die 100 Wörter des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich hatte ich sie aufbewahrt, um sie mithilfe der Mnemo-Technik auswendig zu lernen (als Übung). Habe ich aber nie gemacht. Stattdessen die Liste ins Mnemo-Technik-Übungsbuch gesteckt und vergessen 😉
Als ich die Wörter aber heute wieder gelesen habe, ging in meinem Kopf ein Feuerwerk los – Erinnerungen aus der Jugend, Erzählungen von Eltern und Großeltern, Bilder aus alten Wochenschauen, den Fernsehnachrichten oder der Zeitung:

Aids, Antibiotikum, Apartheid, Atombombe, Autobahn, Automatisierung
Beat, Beton, Bikini, Blockwart, Bolschewismus
Camping, Comics, Computer
Demokratisierung, Demonstration, Demoskopie, Deportation, Design, Doping, Dritte Welt
Eiserner Vorhang, Emanzipation, Energiekrise, Entsorgung
Faschismus, Fernsehen, Film, Fließband, Flugzeug, Freizeit, Führer, Friedensbewegung, Fundamentalismus
Gen, Globalisierung
Holocaust
Image, Inflation, Information
Jeans, Jugendstil
Kalter Krieg, Kaugummi, Klimakatastrophe, Kommunikation, Konzentrationslager, Kreditkarte, Kugelschreiber
Luftkrieg
Mafia, Manipulation, Massenmedien, Molotow-Cocktail, Mondlandung
Oktoberrevolution
Panzer, Perestroika, Pille, Planwirtschaft, Pop, Psychoanalyse
Radar, Radio, Reißverschluss, Relativitätstheorie, Rock’n’Roll
Satellit, Säuberung, Schauprozess, Schreibtischtäter, Schwarzarbeit, Schwarzer Freitag, schwul, Selbstverwirklichung, Sex, Soziale Marktwirtschaft, Single, Sport, Sputnik, Star, Stau, Sterbehilfe, Stress
Terrorismus
U-Boot
Umweltschutz, Urknall
Verdrängung, Vitamin, Völkerbund, Völkermord, Volkswagen
Währungsreform, Weltkrieg, Wende, Werbung, Wiedervereinigung, Wolkenkratzer

Wenn ich auch nur das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts mitbekommen habe, so hat doch beinahe jedes Wort eine persönliche Bedeutung für mich. Und hinter jedem steckt mehr als eine Geschichte.

Vorausschauend fahren

Letztens auf der Autobahn, nein über der Autobahn: ein riesiges Banner. Man muss den Blick heben, um es zu lesen. Darauf steht

Vorausschauend fahren
= Sicherheit

Autobahn

Autobahn

Ich war Gott sei Dank Beifahrerin, denn sonst wäre ich beim Entziffern des komplizierten ersten Wortes garantiert in das Auto vor mir geknallt.

Vorausschauend fahren
= Blick auf der Fahrbahn behalten

Die Sache mit den Klebezetteln

Manchmal wachsen sich Kleinigkeiten zu wochenumfassenden Problemen aus. So zum Beispiel die Sache mit den schmalen Post-its.

Ich hatte einen ganzen Satz davon in der Schublade. Irgendwann entdeckte ich, dass sie perfekt in die Tagesbalken meines großen Wandkalenders passen. Da sich bei meinen Kunden oft Termine verschieben, habe ich es aufgegeben, Projekte direkt in den Kalender einzutragen. Stattdessen schreibe ich das Stichwort auf ein Post-it und klebe es auf den jeweiligen Termin. Sobald sich etwas ändert, klebe ich das Zettelchen einfach um.

Klebezettel
Jahrelang bappte ich eins nach dem anderen auf die Kalender, bis sie fast aufgebraucht waren und ich mir einen neuen Satz kaufen musste. Dummerweise merkte ich erst beim Gebrauch, dass die neuen breiter waren als die alten Zettelchen. Sie bedeckten immer einen guten Teil des vorherigen oder nachfolgenden Datums. Post-its auf zwei, drei oder gar vier aufeinanderfolgende Tage kleben? Sah nicht schön aus und war im Umklebefalle mit viel Fummelarbeit verbunden.
Wie gut, dass ich im Homeoffice arbeite, denn so konnte mich niemand dabei beobachten, wie ich mit der Schere die Zettelchen so zurechtschnippelte, dass sie genau ins Kästchen passten. Es war mir ja fast vor mir selbst peinlich …

Also klapperte ich sämtliche Schreibwarenläden der Umgebung ab, doch überall gab es nur die breite Variante. Nach mehreren Wochen kam ich auf die Idee, eins der letzten passenden Zettelchen mit dem Lineal auszumessen und im Internet danach zu suchen. Im Internet. Nach kleinen, schmalen Post-its … Wie tief kann man eigentlich sinken?

Beim Internetversandhaus No. 1 hatte ich Erfolg. Es gab sie! Und sie waren vorrätig. Bloß – die Versandkosten waren genauso hoch wie der Preis für ein Set. Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, über acht Euro für fünf Klebezettelblöckchen auszugeben. Schließlich bookmarkte ich die Seite, wartete wochenlang, bis ich etwas Größeres bestellen musste, und ließ mir die Post-its dann mitschicken.
Da lagen sie nun, die Zettelchen: die orange-, pink-, grün-, gelb- und lilagewordene Erfüllung meiner Büroträume. Endlich konnte ich mich wieder entspannen, konnte Termine aufschreiben und aufkleben, ohne mich lächerlich zu machen.

Zwei Tage später ging ich einkaufen. In dem Supermarkt, in dem ich seit Ewigkeiten einkaufe. In dem  das Regal mit den Büroartikeln immer ganz hinten gestanden hatte. Da, wo ich nie vorbeigegangen war.
Sie hatten umgeräumt. Die Büroartikel waren jetzt ganz vorne. Da, wo ich immer vorbeigehe. Und was hing da prominent auf Augenhöhe? In Orange, Pink, Grün, Gelb und Lila? Na?