Archiv der Kategorie: Lektorat

Rund ums Lektorat

Honorarverhandlung ohne Verhandlung

Honorarverhandlungen sind ja manchmal kein leichtes Thema, vor allem, wenn die Vorstellungen der Kunden abweichen vom tatsächlichen Aufwand der Dienstleistung. Doch nicht so heute: Ein Kollege hat mich weiterempfohlen, der Kunde benötigt den Feinschliff von Webtexten. Freundliches Telefonat, wir klären die Eckdaten und werden uns inhaltlich schnell einig. Bleibt nur noch die Honorarfrage.
„Nennen Sie mir Ihren Stundensatz“, sagt der Kunde, „und dann arbeiten Sie bitte so lange, bis der Text gut ist. Hiermit erteile ich Ihnen die Freigabe.“

Wunderbar, so mache ich das 🙂

Schlusslektorat, das unbekannte Wesen

„Bitte nur noch mal drüberschauen, da dürfte nicht mehr viel zu finden sein.“
Diesen Satz höre ich regelmäßig. Über mein Gesicht huscht dann meist ein wissendes Lächeln. 🙂
Klar, aus Sicht meiner Kunden kann ich das verstehen. Sie haben die Texte zwei-, drei-, zigmal gelesen. Die Grafik hat das Ganze gesetzt, es wurde noch mal gelesen – sieht alles gut aus. Nun noch rasch ins Lektorat, denn vielleicht fehlt das ein oder andere Komma.
Magazine
Doch ein Schlusslektorat besteht aus mehr, als Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik zu prüfen. Wenn ich das gelayoutete Kunden-, Mitglieder oder Mitarbeitermagazin, den Flyer oder die Broschüre ins Lektorat bekomme, sind das in der Regel meine Arbeitsschritte:

    1. PDF ausdrucken, denn auf Papier sieht man mehr als am Bildschirm.
    2. Inhaltsverzeichnis abgleichen: Stimmen die Seitenzahlen? Sind die Überschriften identisch oder gibt es Abweichungen bei der Wortwahl?
    3. Texte lesen. Konzentriert und langsam, Buchstabe für Buchstabe. Denn das Auge erfasst Wörter als Bilder und sieht, was da eigentlich stehen sollte, überliest dabei aber den Vertipplser.
      Beim konzentrierten, ruhigen Lesen sehe ich auch, ob die Wortabstände stimmen oder irgendwo ein Leerzeichen zu viel oder zu wenig sitzt. Mir fällt auf, wenn der erste Buchstabe in einer Zeile nicht ganz bündig gesetzt ist, ich achte darauf, dass Gedankenstriche (in Fachkreisen Halbgeviertstrich genannt) nicht mit Bindestrichen verwechselt werden und umgekehrt. Anführungszeichen können tückisch sein. Im Deutschen sehen sie so aus: „“. Unten zwei kleine Neunen (99), oben zwei kleine Sechsen (66). Beim schnellen Drüberlesen merkt man eher nicht, wenn die Häkchen in die falsche Richtung zeigen. Wörtliche Rede im Text? Da kommt es auf die Zitierweise an, ob der Punkt vor dem Abführungszeichen gesetzt wird oder danach. Ein paar der vielen Kleinigkeiten, auf die ich achte.
    4. Für Einheitlichkeit sorgen: Oft sind die Texte eines Magazins von unterschiedlichen Autoren geschrieben worden. Ebenso unterschiedlich sind dann auch oft die Schreibweisen. Die einen schreiben „so dass“, die anderen „sodass“. Einmal steht da „aufsehenerregend“, dann erscheint zehn Seiten weiter ein „Aufsehen erregend“. Es gibt solche, die schreiben „Schadenersatz“, und solche, die „Schadensersatz“ schreiben. So etwas fällt mir auf. Oder auch, dass eine Telefonnummer auf Seite 8 ohne Leerschritte gesetzt ist, im Impressum aber in Dreierblöcken und dafür mit Ländervorwahl.aufsehenerregend
      In der Regel korrigiere ich nach Duden-Empfehlung. Wenn man das bei allen Texten konsequent macht, hat man es einheitlich. Es sei denn, der Kunde möchte andere Schreibweisen. Dann sollten aber auch diese einheitlich gebraucht werden.
      Ebenfalls gerne uneinheitlich sind Aufzählungen im Text. Mal werden sie mit Spiegelstrichen hervorgehoben, mal mit Bulletpoints, mal mit Satzzeichen voneinander abgetrennt, mal wird nur ein Punkt ans Ende der letzten Zeile gehängt, mal nicht. Und wie ist das jeweils erste Wort in den Zeilen geschrieben? Klein oder groß? Aufzählungen haben immenses Vereinheitlichungspotenzial. Ebenso wie die Schreibweise von Zahlen (1.000 oder 1000 mit kl. Festabstand zwischen der Eins und der Null), von Währungsbezeichnungen und Abkürzungen (€ oder EUR, Mbit oder MBit). All die Stolperfallen, die in Texten verborgen sein können, aufzuschreiben, würde Seiten füllen. Je nach Projekt tauchen mal die einen, mal die anderen auf. Wichtig ist, ein Auge dafür zu haben.
    5. Mitdenken. Wenn am Ende eines Textes steht: „Die Auflösung finden Sie im Impressum“, dann schaue ich im Impressum nach, ob sie auch wirklich da steht. Wenn der Geschäftsführer Günter Meiermüller in der Bildunterschrift an zweiter Stelle genannt wird, aber die zweite Person auf dem Bild eine Frau ist, dann merke ich das an. Wenn in einer Mitarbeiterzeitschrift der Name Andre auch bei verschiedenen Mitarbeitern immer ohne Akzent auf dem e geschrieben wird, dann mache ich eine Anmerkung dazu. Grundsätzlich gilt: Lieber eine Sache zu viel angemerkt als eine zu wenig.
    6. Ein Schlusslektorat findet hauptsächlich auf der formalen Ebene statt. Aber wenn ich eine Formulierung lese, die knapp vorbei ist, wenn ein Satz so gar nicht zum Stil des restlichen Textes passt oder extrem holprig ist, dann merke ich das an. Und mache auch Änderungsvorschläge.
    7. Wenn ich fertig bin mit Lesen und alle Anmerkungen ins PDF eingearbeitet sind, dann schlafe ich mindestens eine Nacht drüber und lese das Ganze noch einmal. Beim zweiten Durchgang fallen einem immer noch Sachen auf, die man beim ersten nicht gesehen hat. Denn man wird immer schlauer, je mehr man von einem Text liest – und zwar gründlich, nicht nur mal eben schnell drüber.

 

 

 

Niedersachen

Heute beim Lektorat eines Firmentextes gefunden: „Wir haben Erfolg in Niedersachen.“

Was sind denn bloß Niedersachen? Kleinigkeiten? Geringwertige Sachen? Niedrige Dinge? Oder niedere Dinge?
Hmmm … denk, grübel … ah, jetzt ist es klar: Niedersach*s*en. Das Bundesland.
Habe ich nicht letztens gelesen, dass deren Slogan „Immer eine gute Idee“ lautet? Ich schaue nach. Stimmt.

Dieser Slogan passt auch fürs Lektorat: Wenn man bei einem Wort ins Grübeln kommt, ist es immer eine gute Idee, nach fehlenden oder falschen Buchstaben zu suchen.

 

Das fängt ja gut an

In fünf Wochen ist das alte Jahr vorbei. Noch stecke ich mittendrin, wickle Aufträge ab und akquiriere weitere Kunden getreu dem Motto „Mach Akquise, wenn der Laden läuft, denn wenn er schlecht läuft, ist es zu spät“.
Nun hat sich das erste Fenster ins nächste Jahr geöffnet: Zwei Neuprojekte für 2014 stehen schon fest. Das fängt ja gut an. 🙂

Ein Text ist eine Wiese

Wenn ich einem Text den richtigen Schliff verpassen soll, fühle ich mich wie ein Hund, den man auf der Wiese von der Leine lässt.
Ich schnuppere herum, um erst mal ein Gefühl zu bekommen, wo ich mich überhaupt befinde. Worum geht es? Was will der Text mir und allen anderen sagen? Wo hat der Kunde die Stöckchen (also die Kernaussagen) hingeworfen? Fehlt da etwa noch eine Info? Oder muss ich sie nur zwischen den Zeilen ausbuddeln?
Habe ich dann Witterung aufgenommen, schalte ich den „Änderungen-verfolgen-Modus“ ein und laufe los.

 

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Aufmerksam suche ich die Aussagen, die inhaltlich zusammengehören, aber über den ganzen Text verstreut sind, und treibe sie in Grüppchen zusammen. Zwischendurch verjage ich überflüssiges Füllmaterial und sinnlose Dopplungen aus meinem Revier. Immer wieder stecke ich meine Nase in Wörterbücher und freue mich, wenn ich eine umständliche Formulierung vereinfachen oder einer faden Aussage Glanz verleihen kann.
Mal sause ich über den Text, um ihn im Ganzen zu begreifen, mal halte ich mich ewig lange an einer Stelle auf, um das Beste herauszuholen.
Im Laufe der Zeit streiche ich, füge hinzu, kurz, ich pflüge den Text so richtig um. Wenn mich die Deadline dann zurückpfeift, drücke ich auf „Änderungen annehmen“ und wie von Zauberhand wird aus dem Chaos eine wunderbare Blumenwiese oder ein säuberlich getrimmter Englischer Rasen.

Das Internat hat viele Seiten

Gleich zwei Schmankerln sind mir heute beim Lektorieren begegnet:

Das erste:

„Weitere Informationen finden Sie auf unserer Internatseite.“

Ja, manchmal kommt einem das Internet wirklich wie ein riesiges Internat voller ausgeflippter junger Leute vor.

Das zweite:

„Da fragt man am besten die Industrie- und Handlungskammer.“

Wenn ich das nächste Mal so richtig phlegmatisch bin, wende ich mich an die Handlungskammer.

Millionenprojekt

Die Texte, die ich schreibe oder lektoriere, sind meist von überschaubarer Länge. Doch ab und zu befinden sie sich auch im siebenstelligen Bereich.

Gerade zum Beispiel habe ich das Millionenprojekt dieses Herbstes fertiggestellt: das Lektorat eines Berichtes von über einer Million Zeichen. Um genau zu sein 1 124 455.

Klingt viel, nicht wahr?

Rechnet man das in Normseiten* um, wird’s empfindlich weniger: 750.

Und sieht man am Ende die Druckseiten, relativiert es sich vollends:  248.

*1 Normseite = 1500 Zeichen inkl. Leerzeichen und Fußnoten

Der Stein der Weisen

Na ja, den Stein der Weisen hat er vielleicht nicht gefunden, aber er ist schon recht nah dran, finde ich. Sol Stein, Autor des Sachbuches „Über das Schreiben“.

Wenn die Handlung vor sich hindümpelt, die Figuren zu blass oder die Gefühle nur behauptet sind, zeigt Stein, wie man Tempo reinbringt und „die Geschichte zeigt“.

Das ist immer wieder lehrreich — für’s Schreiben und für’s Lektorieren.

Verbrecherschutz

So lautete die Headline auf S. 14 eines Magazins, das ich heute Morgen lektorierte. Na, so was, dachte ich mir, nun sollen Verbrecher auch noch geschützt werden?

Doch dann las ich weiter und merkte schnell, dass das Thema des Artikels ein ganz anderes war: Verbraucherschutz.

Da sieht man mal wieder, was zwei Buchstaben ausmachen können.