Gags schreiben – aber wie?

Im Texttreff wird wieder gewichtelt. Jede Bloggerin schreibt einen Beitrag für ein Blog und bekommt von einer anderen Bloggerin einen zurück. Dieses Jahr wurde mein Blog von der fernsehfreundin aus Hamburg bewichtelt, bei der nichts ohne TV geht: Ihr Herz schlägt für neue Serien und Shows. Seit vier Jahren bloggt sie über ihre Beobachtungen zwischen Tatort und Tor des Monats.
In ihrem Gastbeitrag berichtet sie, wie sie zur Gagschreiberin wurde und wie ihre Gags entstehen.

Komisch, komisch: Gags schreiben – aber wie?

„Hallo zusammen, hier sind wieder die Themen der Woche.“ Ich überfliege die E-Mail und erstarre. DAS sollen die neuen Themen sein? Dazu soll mir etwas Lustiges einfallen? Es ist der Moment, in dem ich gern jemanden an den Schultern packen und „Vergiss es!“ rufen würde. Nie im Leben werde ich dazu Ideen haben! Ich werfe auf der Stelle die Brocken hin! Lieber grabe ich den Garten um – und das, obwohl ich nicht einmal einen habe. Ich fluche vor mich hin wie Rumpelstilzchen.

Herzlich willkommen im ganz normalen Wahnsinn des satirischen Schreibens. Denn so geht es mir seit ein paar Wochen jeden Montag: seit ich Teil des Autorenpools einer TV-Satire-Show bin. Welche das ist, soll jetzt keine Rolle spielen. Wie bin ich da hineingeraten? Ausprobieren wollte ich es schon lange. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich – zumal als Frau – den Fuß in diese Tür kriegen sollte. Comedy-Autoren werden nicht einfach so gesucht. Sie werden gefunden, und die meisten sind männlich.

Doch der Zufall ist manchmal ein netter kleiner Kerl. Eines Tages sah ich auf Twitter eine Ausschreibung für ein Casting: „Autoren gesucht – gern unerfahren.“ Schnell hingemailt! Prompt bekam ich einen Bogen mit zehn Fragen, zu denen ich mir Lustiges ausdenken sollte. Nach einer kurzen Mini-Panik hab ich‘s einfach getan. Zwei Stunden Zeit hatte ich dafür. Neben meiner Schwiegermutter auf dem Sofa sitzend, kicherte ich mich durch die Aufgaben. Hin und wieder warf sie mir einen besorgten Blick zu. Ich schickte das Zeug ab und dachte: Von denen höre ich nie wieder etwas. Falsch gedacht! Zwei Wochen später klingelte das Telefon und man lud mich ein, den Moderator der Show kennenzulernen. Ein sehr kluger und zugleich sehr netter Mensch, übrigens.

Oneliner: Mach’s kurz!
Mittlerweile läuft die Show-Maschine schon eine ganze Weile. Jede Woche montags bekommen alle Autoren aus dem Pool, in dem mindestens zwei Dutzend Texter sitzen, ungefähr fünf Themen aus dem tagesaktuellen Geschehen. Dazu schreiben wir so genannte Oneliner: Gags, die im besten Fall aus nur einem Satz bestehen. Und wer selbst schreibt weiß: kurz zu texten oft das Schwerste. Aber Handwerk und Routine helfen.

Pointen schreiben ist verdammt noch mal harte Arbeit. So wie man sich vor dem Sport aufwärmt, muss man sich erst einmal warm schreiben: Masse produzieren – und dann aussortieren. John Vorhaus (http://redroom.com/member/john-vorhaus/blog), Autor des Klassikers „The Comic Toolbox – How to be funny even if you’re not“ empfiehlt, für einen guten Gag zehn Gags zu schreiben. Neunmal verliert man, einmal gewinnt man. Also ran und einfach machen. Ich schnappe mir das erste Thema und spiele damit erst einmal herum. Nehmen wir an, es ginge um den 65. Geburtstag von Prinz Charles. Welche Assoziationen habe ich dazu? Ich schreibe alles, wirklich alles auf, was mir dazu in den Kopf kommt, und sei es noch so skurril und abwegig. Kleidung. Ohren. Hobbies. Mit wem umgibt er sich? Was sagt seine Mutter über ihn? Was ist ansonsten typisch Prinz, typisch englisch? Ich sammele eine Masse von Begriffen.

Auch an die Resteverwertung denken: Kein Gag ist verschenkt
Dann formuliere ich Fragen. Wer kommt alles zu Charles‘ Geburtstag? Wo wird gefeiert? Wer gratuliert ihm wie? Was hat er sich gewünscht? Was auf keinen Fall? Wer schenkt ihm vielleicht sogar nichts? Ist die Queen nicht viel zu geizig für ein Geschenk? Was bekommt er stattdessen? Und schon bin ich mittendrin. Begriffe aus meiner Assoziationswolke ergeben plötzlich skurrile Antworten auf die Fragen. Schenkt ihm die Queen vielleicht eine ganz lieb gemeinte Tüte Fish’n‘Chips vom Vortag? Ich notiere alles, hier kommt nichts weg. Überhaupt ist nichts umsonst geschrieben. Wer weiß, wofür man einen nicht gesendeten Gag eines Tages noch verwenden kann?

Komisch zu schreiben ist auch ein Schreiben gegen die eigene Angst. Den fiesen inneren Kritiker-Drachen zu besiegen ist immer wieder ein wüster Kampf. Und: Die Political Correctness muss leider draußen bleiben. Neulich unterhielt ich mich mit einem Taxifahrer darüber. Ein Iraner, der Literatur studiert hatte und immer mit einem Haufen Büchern im Taxi herumfährt, damit er in den Pausen lesen kann. „Das Komische braucht den Tabubruch“, bemerkte er weise. „Männer schreiben, als würde ihnen die ganze Welt gehören. Schreiben Sie wie ein Mann!“ Er hat ja so Recht. Das brave Mädchen, die gute Erziehung, das Verantwortungsbewusstsein: Das alles kann beim Gagschreiben sehr im Weg stehen. Ebenso die Angst, dass jemand dich nicht lustig genug findet und du dich als langweiliger Spießer blamierst.

Sacken lassen, polieren, raus damit
Nach zwei Stunden Gag-Basteln merke ich: Es kommt nicht mehr viel. Dann lasse ich die Sache ruhen und mache etwas ganz anderes. Während ich die Kinder abhole, überfallen mich oft plötzlich noch mehr Ideen. Ich schreibe alles auf. Und ganz wichtig: Ich schlafe eine Nacht drüber. Oft fällt mir morgens nach dem Aufstehen ein guter Gag aus dem Gehirn. In einer zweiten Runde poliere ich die Pointen nach. Geht es irgendwo noch kürzer? Kann ich es weiter auf die Spitze treiben? Es lohnt sich, noch einmal konzentriert darüber nachzudenken. John Cleese beschreibt in seinem Vortrag über Kreativität (http://youtu.be/ijtQP9nwrQA) sehr schön, dass sie Zeit braucht und man manchmal geneigt ist, sich in die erste Idee zu verlieben. Oft ist aber erst die dritte Fassung die beste.

Und doch muss man irgendwann loslassen. Es gibt eine Deadline, die Sendung muss vorbereitet werden. Die Chefautoren treffen aus allen eingesendeten Gags eine Auswahl, daraus nimmt der Moderator maximal fünf mit in die Sendung. Die Chance, es auch wirklich in die Show zu schaffen, ist klein. Ob es geklappt hat erfährt man erst, wenn die Sendung läuft. Der Moderator setzt zum ersten Gag an. Gänsehaut: Es ist einer von meinen! Das Publikum giggelt. Ich entspanne mich. Nichts ist schwerer als komisch zu schreiben. Und nichts ist schöner, als wenn jemand darüber lacht.

Vielen Dank für diesen amüsanten und aufschlussreichen Beitrag, liebe fernsehfreundin. 🙂

7 Gedanken zu „Gags schreiben – aber wie?

  1. Nessa

    Ach, was für ein schöner Artikel. Bekommt man richtig Lust aufs Gagschreiben. Sehr wahr fand ich auch die Beobachtung, dass man sich oft in den ersten Einfall verliebt. Geht mir oft so…und dann muss man irgendwie ein Hürde überwinden, um weiterzukommen. Wie ein Pferd, das scheut…

    Schöne Grüße
    Nessa

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    1. fernsehfreundin

      Das Pferdebild trifft es genau, liebe Nessa! An manchen Tagen ist es ein oller Klepper, an manchen der Galopper des Jahres. Wenn es dann endlich aus den Hufen kommt und lostrabt, fängt der eigentliche Spaß an. Das würde auch Charles gefallen.

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  2. Manon García

    Boah! Das liest sich ja spannend! Da ich das „auch immer schon mal machen wollte“, werde ich einfach Ausschau halten nach solchen Ausschreibungen. Ob ich dann allerdings so gut schreibe wie du … dafür müsste ich mir dann mal deinen Taxifahrer ausleihen. 😉

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    1. Nina Bodenlosz

      Wow, klingt nach einem Traumjob!

      Nicht gleich den Erstbesten nehmen ist sicher generell eine gute Maxime 😉

      Mir hilft es beim Schreiben auch, wenn ich mich zwinge, mir eine bestimmte Anzahl von Ideen, Fragen, Varianten zu überlegen. Erst nervt es, aber dann komme ich dadurch doch weiter.

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  3. Oli

    Sehr schöner Beitrag zum Thema Gags schreiben.
    Wobei interessant wäre, welche TV-Satire-Show das ist. 😉

    LG, Oli

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