Ein Text ist eine Wiese

Wenn ich einem Text den richtigen Schliff verpassen soll, fühle ich mich wie ein Hund, den man auf der Wiese von der Leine lässt.
Ich schnuppere herum, um erst mal ein Gefühl zu bekommen, wo ich mich überhaupt befinde. Worum geht es? Was will der Text mir und allen anderen sagen? Wo hat der Kunde die Stöckchen (also die Kernaussagen) hingeworfen? Fehlt da etwa noch eine Info? Oder muss ich sie nur zwischen den Zeilen ausbuddeln?
Habe ich dann Witterung aufgenommen, schalte ich den „Änderungen-verfolgen-Modus“ ein und laufe los.

 

animal-54827_640

 

Aufmerksam suche ich die Aussagen, die inhaltlich zusammengehören, aber über den ganzen Text verstreut sind, und treibe sie in Grüppchen zusammen. Zwischendurch verjage ich überflüssiges Füllmaterial und sinnlose Dopplungen aus meinem Revier. Immer wieder stecke ich meine Nase in Wörterbücher und freue mich, wenn ich eine umständliche Formulierung vereinfachen oder einer faden Aussage Glanz verleihen kann.
Mal sause ich über den Text, um ihn im Ganzen zu begreifen, mal halte ich mich ewig lange an einer Stelle auf, um das Beste herauszuholen.
Im Laufe der Zeit streiche ich, füge hinzu, kurz, ich pflüge den Text so richtig um. Wenn mich die Deadline dann zurückpfeift, drücke ich auf „Änderungen annehmen“ und wie von Zauberhand wird aus dem Chaos eine wunderbare Blumenwiese oder ein säuberlich getrimmter Englischer Rasen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.