Wörter, Wörtchen — Passwortchaos

TT-Blogwichteln 2012

Hier ist er, der Wichtelbeitrag meiner Netzwerkkollegin Tanja Finke-Schürman. Was sie schreibt, kommt mir sehr bekannt vor, aber lest selbst:

Passwörter sind nicht meine Lieblingswörter

Gestern habe ich es endlich getan: Aufräumen im Passwort-Chaos. Im Laufe von fast 20 Jahren Internetnutzung hatten sich wunderliche Wörter, Wörtchen und Konstruktionen angesammelt, um mir Zugang zu gefühlt 467 verschiedenen Online-Angeboten zu verschaffen.

Es begann ganz harmlos. Am Anfang hießen Passwörter überall noch wie die bevorzugte Kaffeesorte im Büro, wie Kinderbuchhelden oder wie Haustiere. Denn keiner interessierte sich dafür, unseren Code zu knacken, mit dem wir unseren E-Mail-Account am Lehrstuhl sicherten, über den wir langweiliges dienstliches Zeug verschickten. Heute kann man mich allerdings in kürzester Zeit komplett ausrauben, wenn man meine Zugangsdaten zu ebay und amazon kennt. Man könnte mich in wenigen Minuten öffentlich blamieren und meine Freunde vergraulen, wenn man meine Social-Media-Accounts missbrauchte – falls daran irgendjemand merkwürdigerweise Interesse finden sollte.

Deshalb wurden meine Passwörter im Laufe der Zeit langsam immer sicherer. Gewitzt, wie ich bin, verwendete ich schon bald keine Namen und richtigen Wörter mehr, sondern arbeitete mit Kombinationen und Wortfragmenten. Der Mann mahnte eines Tages: „Du musst ab und zu wechseln!“ Also wechselte ich an jenem Tag – und zwar genau die drei Passwörter, die ich gerade brauchte, während die anderen blieben, wie sie waren. Dann sagte er, einige Jahre später: „Du musst Zahlen verwenden und Sonderzeichen!“ Also fügte ich meinen Lieblingspasswörtern hier und da ein paar Zahlen hinzu und an Tagen, an denen ich besonders große Sorge hatte, auch mal ein hübsches Zusatzzeichen ohne jede Bedeutung.

So sicherte ich jahrelang meine Online-Zugänge vor feindlichen Angriffen – und vor mir selbst! Denn natürlich fand ich mich schon längst nicht mehr zurecht im Zeichensalat. Ich buchte Flüge, Hotels, Autos, Fortbildung und Kulturevents im Internet. Ich kaufte Büromaterial, Weihnachtsgeschenke, Kleidung und sogar Schuhe online. Newsgroups, Foren, Facebook, Cloud-Anwendungen – die Authentifizierungs-Anlässe nahmen exponentiell zu. Täglich stellte ich mir also mehrfach die Frage, ob eins meiner üblichen Passwörter passt oder wenigstens in einer der gängigen Varianten, oder ob vielleicht ein Code aus einer anderen Generation gefragt ist. Manchmal schaute ich dann zuhause auf der gedruckten Liste nach, auf der die wichtigsten aufgeführt waren, einige durchgestrichen, andere handschriftlich zugefügt, aber meist nicht das, was ich gerade brauchte. Manche Accounts sind dort auch doppelt aufgeführt, mit unterschiedlichen Schlüsseln.

Vielleicht bin ich bei dem aktuellen Online-Händler aber noch gar nicht angemeldet? Also noch mal neu registrieren. Unter der E-Mail-Adresse ist schon jemand registriert? Egal, dann nehme ich eine andere. Klasse. Klappt. Passwort? Das Übliche. Damit ich es nicht vergesse. Usw. Auf diese Weise habe ich bei einem Tierfutteranbieter schon drei Mal den Willkommensrabatt bekommen. Viele Anbieter haben Mitleid mit mir und zeigen mir schnell, wo ich klicken muss, wenn ich mal wieder ratlos vor ihrer Tür stehe. In diesen Fällen bekommt man eine E-Mail mit einem neuen Passwort, falls man noch weiß, mit welcher Adresse man sich angemeldet hat. Manche bieten eine Sicherheitsabfrage. „Mädchenname der Mutter“ oder „Farbe des ersten Autos“. Da ist es gut, wenn man nur bei Online-Schlüsseln ein Gedächtnisproblem hat.

Meine Schwester sagt seit Jahren: „Du brauchst ein System!“ Diese Woche war ich reif. Nachdem ich unterwegs daran scheiterte, eine App für mein I-Phone zu aktualisieren, weil mir zwar der vorige, aber nicht der aktuelle Zugangscode einfiel, schämte ich mich und begann aufzuräumen.

Natürlich ließ ich mich beraten. Der Mann sagte: „Die Cloud ist die Antwort. Keepass ist toll. Ein bisschen kompliziert am Anfang, aber es ist klasse. Dann brauchst Du nur noch ein Masterpasswort.“ Ja. Aber das würde ich garantiert sofort vergessen und dann stelle ich mir auch noch vor, wie alle meine vergessenen Passwörter da draußen für jeden zugänglich über uns schweben, außer für mich natürlich. Jemand anders sagte: Du musst Sätze in Anfangsbuchstaben übersetzen wie „IhPudvisi“ (Ich hasse Passwörter und daher vergesse ich sie immer). Leider kommt man mit „Ich hasse Passwörter und daher kann ich sie mir nicht merken“ dann nicht mehr zu neuen Pumps bei Zalando. Außerdem müsste ich dann ja für jede Anwendung einen neuen Satz haben.

Jetzt würde ich gern schließen mit einem schönen Satz wie: „Passwörter sind gar keine Wörter, sondern Codes. Man muss sie gar nicht mögen.“Aber ich bin noch die Auflösung schuldig. Mein System. Natürlich kann ich es hier nicht verraten. Aber es gibt Zahlen. Und kleine und große Buchstaben. Und Sonderzeichen. Und ein Prinzip, nach dem ich das alles je nach Anwendung passend zusammenbauen kann. Und eine Liste in der Schreibtischschublade und eine in „der Cloud“. Und natürlich ist die Dokumentation nur für den verständlich, der den Bauplan kennt. Stolz kann ich nun verkünden, dass es funktioniert und ich mich auf mein neues zugangsberechtigtes Leben freue. Jedenfalls solange ich an meiner Volltastatur auf dem Schreibtisch sitze. Auf meinen Mobilgeräten macht es mich jetzt schon wahnsinnig, jedes Mal mehrfach die Tastatur umzuschalten, um auf klein p einen Doppelpunkt und dann eine 5 und schließlich ein großes Z zu tippen. Wahrscheinlich werde ich nach Weihnachten wieder alles umstellen und für alles einfach qwertz nehmen. Da kommt doch keiner drauf?

2 Gedanken zu „Wörter, Wörtchen — Passwortchaos

  1. Andrea

    Irgendwie wie für mich geschrieben. Ganz bestimmt. Aus meinem Leben gegriffen. Ach ja: Das letzte Mal, als ich ein Passwörter-System hatte, hat’s mich meine EC-Karte gekostet. Eingezogen, wegen 3 x falsch …

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