Polizeiprosa

TT-BlogwichtelnDas textschliff-Blog wurde bewichtelt: Meine Netzwerkkollegin Sabine Drasnin hat einen Gastbeitrag geschrieben über die Welt der Polizeiberichte, in der ganz eigene sprachliche Regeln herrschen und nicht Salz-, sondern Kommastreuer benutzt werden.

Da erkläre ich den Kindern mit viel Geduld die Regeln der Kommasetzung im Deutschen. Und dann muss ich so etwas lesen:

„Am Montagabend des 05.12.2011, gegen 18.10 Uhr, befuhr ein 32-jähriger Mann aus G., mit seinem schwarzen PKW, die innerstädtische D.-Straße im Ortsteil L., vom K.-A.-Platz kommend, in Fahrtrichtung B.-Weg. An der dortigen Kreuzung missachtete er das dort aufgestellte STOP-Zeichen und auch die Vorfahrt eines 50-Jährigen, der mit seinem dunkelgrauen PKW den vorfahrtberechtigten B.-Weg, aus Richtung A. kommend, in Fahrtrichtung Kreisverkehr B. befuhr und eine Kollision mit dem BMW nicht mehr verhindern konnte.“ (Zur Beruhigung: Es gab zwar hohen Sachschaden, aber zum Glück nur einen Leichtverletzten).

Ich lese jede Woche für eine Redaktion die Polizeiberichte aus unserem Kreis und staune immer wieder über die Polizeiprosa. Sie ist stets mit reichlich Kommas gespickt. Haben die so ein komisches Textbausteinprogramm? Fakt, Komma, Fakt, Komma. Bei vielen Fakten gibt es dann auch viele Kommas. Oder nehmen die Polizeiberichtsschreiber, wenn der Text fertig ist, einen Kommastreuer und schütteln den kräftig über dem Text? Vielleicht gibt es ja auch so ein Kommastreuprogramm??

Beruhigend jedenfalls, dass die Polizei auch Humor hat: Viele Berichte sind mit Augenzwinkern geschrieben, z.B. dieser:

„Vor der Bäckerei „entführt“!

25.10.2011 | V.-Mitte

Schon am frühen Donnerstagabend des 20.10.2011 kam es auf offener Straße, vor einer Bäckerei an der H.-Straße in V.-Mitte zu einer dreisten „Entführung“! Da die seit der Tat laufenden polizeilichen Maßnahmen aber trotz guter Ermittlungsansätze bis heute noch nicht zur Auffindung des „Opfers“ führten, von dem zu Fahndungszwecken inzwischen ein Foto vorliegt, wendet sich die Polizei heute mit Sachverhalt und Foto an die Öffentlichkeit.

Zur Tatzeit beobachteten Zeugen einen weißen Kastenwagen, der von einem noch unbekannten und bisher nicht näher beschriebenen Fahrer vor der Bäckerei an der H.-Straße gestoppt wurde. Ein männlicher Beifahrer – [hier folgt die ungenaue Beschreibung] – stieg aus dem Fahrzeug und ging direkt zum Eingang der zu dieser Zeit geöffneten Bäckerei. Vor dem Ladenlokal zerrte er das Opfer, welches dort friedlich und wehrlos auf einem Plastikstuhl in der Sonne gesessen hatte, in den wartenden Lieferwagen, der daraufhin mit beiden Tätern und dem Opfer in Richtung K.-Straße davonfuhr. Zeugen der Tat informierten umgehend die örtliche Polizei, welche den flüchtigen weißen Lieferwagen aber trotz sofortiger Fahndungsmaßnahmen im Nahbereich des Tatortes leider nicht mehr antreffen konnte.

Bei dem brutal verschleppten „Entführungsopfer“ von der H.-Straße in V. handelt es sich um ein etwa 150 cm großes, braunes, sehr kräftiges und trotz der schon kühlen Herbstzeit am Tattag unbekleidetes Stofftier. Der Bär, welcher der gleichnamigen Bäckerei an der H.-Straße als Maskottchen diente, ist seit seiner „Entführung“ spurlos verschwunden. Ein Strafverfahren wurde eingeleitet, die polizeilichen Fahndungs- und Ermittlungsmaßnahmen dazu, insbesondere aber zum aktuellen Aufenthaltsort des vollkommen wehrlosen „Entführungsopfers“, dauern an. Hierbei helfen könnte die Aussage eines vorbildlichen Zeugen, der das amtliche Fahrzeugkennzeichen des weißen Kastenwagens aus dem Kreis [XY] ablesen und der Polizei vollständig übermitteln konnte. Hierzu wird gezielt ermittelt.

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So sieht das „Opfer“ aus (Foto vom Zwillingsbruder)

Bisher liegen der Polizei aber noch keine konkreten Hinweise zur Identität der beiden Fahrzeugbenutzer und Entführer oder zum Verbleib des in der Nachbarschaft bekannten und beliebten „Opfers“ vor. Weitere sachdienliche Hinweise …“

Nachtrag: Der Bär wurde inzwischen wieder zurück gebracht :-), Polizeikommentar dazu: „Gestohlenen Bär zurückgebracht! Öffentlicher Fahndungsdruck zeigte Erfolg.“

So ein Happy End wünscht man sich öfter!

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